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Ostfriesland 1933

Ostfriesland 1933

- Nur wenige Monate nach der Machtübernahme durch die NSDAP fand am 16.Juni 1933 eine Volkszählung statt.

Ostfriesland hatte 310.798 Einwohner, davon waren 2.336 Einwohner mit jüdischem Glauben.

Kurzübersicht von Hermann Adams

 

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Zum Geleit:

Warum? Wozu eine kleine kurzgefasste Dokumentation?

Einige Fragen können hier beantwortet werden. Wozu, man kann doch schnell alles im Internet beantwortet finden. Häufig sind die Antworten sehr voneinander abweichend. Die Frage, wie viele Juden lebten in Ostfriesland, stellt sich häufig.

 

Am 16. Juni 1933, nur einige Monate nach der vollständigen Machtergreifung durch die NSDAP, ließ sie eine Volkzählung durchführen.

 

Dieses Ergebnis lautete, dass in Ostfriesland 310.798 Einwohner lebten. Ostfriesland war bis 1978 verwaltungsrechtlich eine Einheit. Von der Übernahme durch das Königreich Preußen bis 1978 als der Regierungsbezirks Aurich aufgelöst wurde.

 

Bei der Volkszählung wurde auch die Anzahl der jüdischen Einwohner erfasst, 2.336 jüdische Menschen lebten 1933 noch in Ostfriesland. Diese jüdischen Ostfriesen sollten nach dem Willen der Machthaber alle auf irgendeine Weise Ostfriesland verlassen.

 

Neben den vielen Deportationen ins Verderben, wurden auch viele jüdische Einwohner zwangsweise aus Ostfriesland in große Städte umgesiedelt. Anfang 1940 wurden etwa 100 jüdische Einwohner aus Loga und Leer, auf Weisung der Gestapo zwangsumgesiedelt. Sie mussten nach Berlin ziehen. Viele holländisch stämmige Juden hatten bereits Ostfriesland verlassen. Die Zwangsumgesiedler mussten ihre Besitztümer verkaufen, wie Max Mindus aus Loga. Sein Haus hatte er schon vorher verlassen müssen und wohnte 1940 zur Miete in einem Haus in Hohe Loga.

 

Wenn man Deportationslisten aus Norddeutschland oder Nordrhein-Westfalen durchforstet, sind sehr häufig jüdische Ostfriesen mit aufgelistet, sie waren schon vordem aus ihrer Heimat verdrängt worden. Auf der Deportationsliste vom 17.1.1941 von Hamburg nach Minsk sind Ostfriesen verzeichnet. Es folgen weitere Hinweise. Ostfriesland und der ganze Gau Weser-Ems sollten "judenfrei" gemeldet werden. 

 

Westoverledingen 2026                                                                                   Hermann Adams

 

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Etliche jüdische Familien und Alleinstehende verließen schon in den letzten Jahren vor der Machtübernahme Ostfriesland. Die SA schikanierte jüdische Geschäfte, randalierte bei Versammlungen und verlautete antisemitische Parolen. Im Übrigen gab es ähnliche Organisationen in Polen und auch in den Niederlanden. Nach der endgültigen Machtübernahme durch das Ermächtigungsgesetz vom 23.März 1933 der Nationalsozialisten, flohen nach und nach jüdische Einwohner aus Ostfriesland. In Ihrhove verkauften Abraham und Rosje Nerden im späten Sommer 1933 ihr Haus und ihr Betriebsgebäude, das sie erst 1929 errichten ließen. Die jüdischen Kinder wurden ausgegrenzt, sie durften die Schulen nicht mehr besuchen und Eigentümer wurden gedrängt, ihre Besitzungen zu verkaufen. Die Erlöse wurden auf Konten gesperrt. Doch erst nach der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 begannen die ersten größeren Deportationen. So wurden fast alle jüdischen Männer aus Emden und Leer am 11. November 1938 in das KZ-Sachsenhausen deportiert. Dort wurden sie bis etwa Mitte Dezember des gleichen Jahres festgehalten, einige auch noch länger.

 

Danach begannen im großen Stil die Enteignungen in der Form, dass die Immobilienbesitzer ihr Eigentum verkaufen mussten oder es schon durch Zwangsverwalter verkauft worden war. Wie bei Max Mindus in Loga, er durfte nicht mehr selbst sein Haus verkaufen, das geschah durch einen eingesetzten Auktionator.1

 

Doch all das genügte der Gestapo nicht, es lebten um 1940 immer noch jüdische Einwohner in ihrem Bezirk. Von Januar bis März 1940 wurden auf Weisung der Gestapoleitstelle Wilhelmshaven mit ihren Neben/-Außenstellen in Emden und Oldenburg 843 Juden aus dem Regierungsbezirk Aurich und dem Oldenburger Land zur Umsiedlung in größere andere Orte gezwungen. Größtenteils brachte man sie nach Berlin, dort organisierte die jüdische Gemeinde einen Wohnraum für die hilflosen Menschen.2

 

Die aus Ostfriesland vertriebenen Juden waren in größeren Orten nur in einer Art Warteposition einquartiert, so finden sich auf der Deportationsliste vom 17. 1. 1941 von Hamburg nach Minsk von 426 Namen 39 Ostfriesen jüdischer Herkunft die ins Ghetto Minsk deportiert wurden.

 

001 Altgenug, Hermann * 3. 11. 1924 Norden

002 Altgenug, Jakob * 1. 6. 1900 Norden

003 Altgenug, Joseph * 6.1.1889 Norden

004 Altgenug, Sophie, geborene Weinberg, * 14. 2. 1896 Esens

005 Altgenug, Jamon *3. 1. 1890 Norden

006 Altgenug, Fränzel * 9.3. 1929 Norden

007 Blumert, Selma, geb. Wolff, * 28.10.1896 Norden

008 Cohen, Clara, geborene Pinto, * 7.8.1898 Jemgum,

009 Cohen, David * 9.3.1925 Aurich

010 Cohen, Ernst * 29.9. 1885 Wittmund

011 Cohen, Hanne, geborene Wolff * 19. 7. 1892 Ostgroßefehn

012 Cohen, Jakob * 4. 12. 1882 Aurich

013 Cohen, Manfred * 14. 3. 1930 Aurich

014 Cohen, Martha * 9.8. 1927 Aurich

015 Cohen, Moses * 15. 10. 1892 Leer

016 Fink, Jeantte, geborene Cohen, * 27.11.1898 Wittmund,

017 Frünkel, Betty * 27. 3. 1922 Timmel

018 Grünberg, Elli, geborene Wallheimer, * 18.9. 1900 Aurich

019 Grünberg, Marianne * 12. 1. 1887 Weener

020 Grünberg, Wolf Joseph * 6. 2. 1888 Weener

021 de Jonge, Arno *3. 2. 1914 Weener

022 de Jonge, Curt * 18. 4. 1902 Weener

023 de Jonge, Else * 27. 1. 1923 Weener

024 de Jonge, Rebekka, geborene Pels, * 11. 4. 1880 Leer

025 de Jonge, Simon * 9. 5. 1874 Weener

026 de Vries, Helene, geborene van der Zyl, * 22. 7. 1900 Weener

027 Eicholz, Rahel, geborene van der Wyk, * 13. 6. 1881 Emden

028 Krise, Hinderika, geborene van der Walde, * 6. 4. 1888 Emden

029 Menkel, Rosa, geborene Rosenboom, * 2. 3. 1895 Loga

030 Menkel, Heinz * 8. 3. 1923 Leer

031 Menkel, Kurt * 31.12. 1920 Leer

032 Polak, Karl * 13. 9. 1901 Oldersum

033 Polak, Siegfried * 21. 9. 1903 Oldersum

034 Seligmann, Ernst * 12. 3. 1907 Emden

035 Seligmann, Rudolf * 15. 7. 1899 Emden

036 Schragenheim, Therese, geborene Markreich, * 17. 5. 1883 Weener

037 van der Walde, Heinz * 7. 1. 1917

038 Weinberg, Rahel, geborene Grünberg, * 6. 9. 1875 Jemgum

Am Ende der Liste wurden noch einige Namen nachgetragen, darunter auch

Heimbach, Karl * 11. April 1910 in Leer

 

In Ostfriesland blieben nur noch einige wenige Juden, wie "Mischlinge" und "Mischehepartner" aus christlich-jüdischen Ehen. Darüber hinaus befanden sich noch etwa 150 alte jüdische Frauen und Männer im jüdischen Altersheim Emden. Darunter auch Geertje Mindus, sie hatte viele Jahre in Ihrhove gelebt. Von diesen Insassen wurden etwa 20 Personen in Varel und Norden untergebracht. Doch für alle anderen Insassen drohte bald die gefährliche Deportation.

 

Am 23. Oktober 1941 wurden alle noch lebenden 122 Insassen des Emder Altersheims nach Berlin deportiert. Es hieß dort, sie würden in einer größeren Stadt im Osten untergebracht.

 

Von Berlin ging am 24. 10. 1941 der genannte II. Transport direkt nach Litzmannstadt. Neben vielen Meldungen und auch eines Zeitungsberichts der OTZ sind auch alle Namen und Listen der 122 Deportierten bekannt, sie folgen hiernach auszugsweise.

 Liste der Deportierten 

 

Es folgt die OTZ Zeitungsseite vom 24. Oktober 1941 (Archiv Stadt Leer)

 OTZ Zeitungsseite vom 24.10.1941 (Quelle: Stadtarchiv Leer) 

Auch Geertje Mindus ist hier aufgeführt, unter Nummer 48. Diese Deportationslisten dienten der Überführung ins Ghetto Litzmannstadt im heutigen Polen.

 

In Litzmannstadt wurde ebenso eine weitere Liste der Angekommenen aus dem Osttransport aus Emden angefertigt, sie wurde vom dortigen Archiv aufbereitet.3 Auch hier finden wir die ehemalige Ihrhoverin Geertje Mindus geborene de Levie, sie wohnte an der Ihrener Straße heutige Nr. 8. 

Es folgt Seite 1 der Transportliste der deportierten Juden.

   Deportationsliste   

So konnte die Gestapo Wilhelmshaven am 25. 10. 1941 dem Reichssicherheitsamt mitteilen: "Am 23. Oktober 1941 wurden aus der Stadt Emden 122 Juden evakuiert. Sie werden in einer größeren Stadt im Osten untergebracht." So verblieben in Ostfriesland lediglich noch die "Mischlinge" und "Mischehepartner".

 

Die Gestapo, vor allem auch die Außenstelle Emden hatte es geschafft, Ostfriesland war fast judenfrei. Doch man ließ die Mischlinge und Mischehepartner nicht in Ruhe leben, sie wurden immer wieder schikaniert. Auch die christlichen Ehepartner wurden misshandelt. Sie kamen in Zwangsarbeitslager, viele von ihnen nach Bremen-Farge. Und auch die jüdischen Ehepartner ließ man nicht aus den Augen. Zum Beispiel Hartog Müller, in Rhaudermoor geboren und mit einer Völlenerkönigsfehntjerin verheiratet, wurde schon 1940 unter einem Vorwand im KZ Dachau umgebracht. Marianne Hermann geb. de Vries aus Leer musste Zwangsarbeit in einer Seifenfabrik leisten, und ihr christlicher Ehemann ebenso bei einer Eisengießerei.

 

Anfang 1945, war das Ende des fast verlorenen Krieges abzusehen, doch die Gestapo wollte es nicht wahrhaben oder wollte noch einmal die Chance nutzen. Wer weiß, was in den Köpfen dieser verbohrten Menschen vor sich ging. So forderten sie alle noch in Norddeutschland lebenden jüdischen Mischehepartner auf, am 23. Februar 1945 um eine bestimmte Uhrzeit mit einer aufgelisteten Gepäckzusammenstellung am jeweiligen Bahnhof zu erscheinen, um ins KZ Theresienstadt deportiert zu werden. Ein Schock für die Betroffenen.

 

So mussten beispielsweise auch die in Emden wohnenden Max Müller und Rahel Löwenkamp geborene Cohen aus Loga am Bahnhof erscheinen. In Leer traf es Marianne Hermann geborene de Vries. Ihre Schilderung liegt vor: "In einem angehängten Viehwaggon, worin schon ein paar Frauen aus Emden kauerten, die ebenso wie ich mit einem Christen verheiratet waren, wurden nach Bremen-Schwachhausen transportiert. Dort wurden die Menschen aus einem großen Bezirk versammelt. Dann ging eines Tages der Transport nach Theresienstadt los, der unendlich lange Zeit anhielt...".4 Später:... In Theresienstadt angekommen, mussten wir alle gleich arbeiten. Die bestand darin, Glimmer, auseinanderzuzupfen. Die Verpflegung war auch hier karg, einen Schlag im Essnapf gab es, daneben kaum noch etwas. Arbeitskleidung haben wir nicht bekommen, wir haben in unserem Zivilzeug gearbeitet...5 Es folgen hiernach die jeweiligen Transportlisten, auf denen die Namen der ostfriesischen Einwohner aufgeführt sind.

 

In einem Bericht, zu dem ankommenden Transport, der über Bremen, Kiel und Hamburg nach Theresienstadt verlief, heißt es unter anderem: Der Transport umfasste 294 Personen, davon waren 168 Männer und 126 Frauen. In dem Zug aus Bremen waren 82 Personen in Hamburg angekommen. Aus Bremen kamen 6 Kinder hinzu. In dem Zug aus Kiel kamen 12 Personen in Hamburg an. Aus Hamburg kamen 66 Frauen und 131 Männer hinzu, wovon zur Weiterfahrt 3 fehlten. So bestand der Osttransport vom 23.Februar 1945 von Hamburg nach Theresienstadt aus 294 Personen.6

 

   Bericht über den angekommenen Transport Hamburg-Bremen   

Wer war der Auftraggeber dieser abscheulichen Maßnahme?

 

Für die Deportation von Hamburg nach Theresienstadt war die Gestapo Hamburg verantwortlich und erteilte den Auftrag.

 

Für die anderen Gebiete, eine Art Einsammeldeportation, waren die Gebiets- Gestapodienststellenverantwortlich. Im Raum Weser-Ems war dies die Gestapo Wilhelmshaven mit den Außenstellen Emden7 und Oldenburg. Es handelte sich um eine der letzten Deportationen von Hamburg nach Theresienstadt (Terezin).

 

Die Betroffenen der Deportation waren die bisher verschont gebliebenen Partner aus sogenannten "Mischehen" und deren Kinder.

 

In Theresienstadt kamen am 25/26.2.1945, 280 Personen an. (Osttransport Gestapo VI/10) Der Deportationszug fuhr in Hamburg vom Hannoverschen Bahnhof ab, dort mussten die Betroffenen erscheinen bzw. wurden dorthin gebracht.

 

Man darf annehmen, dass die Gestapo vor Ort an Hand der Einwohnermelderegister und der jährlichen Meldungsaufstellungen der Gemeinden über jüdische Einwohner, die Erscheinungstermine am jeweiligen Bahnhof anordnete. Wahrscheinlich erhielt Esther van Allen8 aus Ihren keinen Befehl am Bahnhof in Leer zu erscheinen, denn sie war vom Bürgermeister als "gottgläubig" eingetragen. Vermutung.

 

Die vollständige Dokumentation "Ostfriesland 1933" ist in Kürze über die Homepage der Gemeinde Westoverledingen einsehbar. 

 

© 2026 Hermann Adams

 

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1 Hermann Adams, Transport ins Verderben 2025

2 Mail: mail@statistik-des-holocaust.

3 Archiwum Pantstwowe w Łodzi 278 Nr. 1172

4 Siehe Oll Willm - Hermann Adams und Theo Douwes Seite 69

5 Unterlagen der Enkelin Dr. Jasmin Hermann-Huwe

6 Transportlisten siehe "Statistik des Holocaust"

7 Die Gestapo Außenstelle Emden: Die Dienststelle befand sich in der sogenannten " Penningschen Villa" . Heute steht dort die Kunsthalle Emden. (Straße: Hinter dem Rahmen) In der Dienststelle wurden Verhöre und Folterungen durchgeführt, auch war dort die Verwaltung von "Schutzhäftlingen". Das Gebäude wurde beim Bombenangriff vom 6. September 1944 schwer beschädigt. Der Leiter war Willy Struwe, er beging am 5.Mai 1945 Selbstmord.

8 Dokumentation noch unveröffentlicht

 

 

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Mi, 17. Juni 2026

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