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Fahrradfahrer trafen auf Spott

Sobald die Sonne scheint wird überall in unserer Region das Fahrrad aus dem Schuppen geholt und über das gut ausgebaute Radwegenetz eine Tour unternommen. Während heutzutage eigentlich jeder ein Fahrrad sein Eigen nennen kann, zählten um 1890 vor allem Unternehmer, Ärzte und Lehrer zu denen, welche sich die anfangs teuren Drahtesel leisten konnten.

 

Damals musste das Miteinander von Fußgängern und Radfahrern auf den öffentlichen Wegen noch aufeinander abgestimmt werden. Mit welchen Problemen die damaligen Fahrer eines Velocipeds zu kämpfen hatten, lässt sich aus einem Leserbrief im Leerer Anzeigeblatt vom 11.August 1891 ablesen: „Gestatten Sie mir in Ihrem geschätzten Blatte einmal einen Uebelstand öffentlich zur Sprache zu bringen, der sich leider noch allgemein geltend macht: es ist das Verhalten eines gewissen Publicums gegen uns Radfahrer. Wo wir auch auf unserem Rade, oder Rädern erscheinen, treffen wir auf eine gewisse Abneigung, ja oft sogar Feindseligkeit. Die Zeitungen und Gerichtsverhandlungen haben vielfach schon zur Kenntniß gebracht, daß auf der Straße durch boshafte Subjekte ganz harmlose Radfahrer ohne jede Veranlassung überfallen, heruntergerissen und schwer mißhandelt worden sind! Es geschieht häufig, und nicht bloß durch Straßenjungen, sondern auch durch Erwachsene daß uns Spöttereien und Beschimpfungen nachgerufen werden, wenn wir vorüberfahren, oder daß man uns Steine und Schmutz nachwirft.

 

Sehr gefährlich sind uns solche Personen, die sich absichtlich bei unserm Anfahren mitten auf den Weg stellen, und da das meist ganz plötzlich geschieht, so wird es uns außerordentlich schwer gemacht, noch rechtzeitig auszuweichen. Aber wehe uns, wenn wir dazu nicht im Stande sind! Der Betreffende springt dann allerdings weg, aber er schreit uns die gröbsten Drohungen zu und beschuldigt uns, daß wir Gesundheit und Leben der Passanten in Gefahr brächten.

 

Klingeln wir, so ärgert man sich darüber, klingeln wir nicht, dann heißt’s, wir seien unvorsichtig und Gott weiß was Alles! Es bekundet sich in diesen Feindseligkeiten ein so unbegreiflich roher Characterzug der Zeit, daß man sich vergeblich fragen möchte: warum geschiet es? Das Velociped hat sich längst als ein sehr nützlicher Apparat erwiesen, der selbst von Beamten und Geschäftsleuten benutzt wird. Die meisten Fahrer wissen dasselbe auch geschickt zu lenken; niemals ist es so gefahrdrohend wie eine rasch daher sausende Karosse, aber so widerwärtig wie ein dahintaumelnder betrunkener Mensch; und doch feindet man uns an; ja es scheint sogar, als wenn bei den Beamten der öffentlichen Sicherheit wenig Neigung vorhanden wäre, uns gegen rohe Eingriffe in Schutz zu nehmen, eher noch Abneigung. Wir wenden uns an die Gebildeten und hoffen, daß man uns endlich überall die Gerechtigkeit angedeihen läßt, die dem Gebrauch jeder nützlichen und angenehmen Erfindung gebührt. Ein Radfahrer für Viele.“

 

Hanni Mühring mit Tochter Theda (1940er Jahre) in Holterfehn.

Glücklicherweise sind diese Anfangsschwierigkeiten lange überwunden. In unseren Breiten laden viele Radwegen und –routen zum Fahrrad fahren ein. In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern viel Spaß bei den noch anstehenden Radtouren.

von Frank Groeneveld

 

Zum obigen Foto: In Sonntagskleidung besuchte Hanni Mühring geb. Buß mit ihrer Tochter Theda ihren Bruder Rainer Buß in den 1940er Jahren in der Holterfehner Nordstraße.

 

Inserat vom 30.6.1922

Inserat des Collinghorster Radfahrervereins "Edelweiß" aus dem Anzeiger für Oberledingerland vom 30.06.1922